Osteuropa
Von Olga Karach
Wenn wir über die ökologischen Folgen eines Krieges sprechen, denken wir an das, was nach den Bomben bleibt: verbrannte Wälder, verseuchte Böden, zerstörte Staudämme. Aber die Geschichte beginnt früher. Vielleicht in dem Moment, in dem wir anfangen, eine Landschaft anders anzusehen. Eine Straße ist plötzlich nicht mehr nur eine Straße. Eine Brücke muss Panzer tragen können. Und ein Fluss wird auf Karten zum möglichen Transportweg oder Evakuierungskorridor.
Ich lebe heute in Litauen und sehe diesen Wandel sehr nah. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist hier keine abstrakte Nachricht aus der Ferne. Belarus ist eng in die russische Militärstruktur eingebunden, Litauen bereitet sich auf mögliche Krisen vor. Das ist verständlich. Trotzdem frage ich mich manchmal, was mit einer Landschaft passiert, wenn wir sie immer stärker durch die Brille des nächsten Krieges betrachten.
Für mich führt diese Frage zur Wilija/Neris. In Belarus kenne ich sie als Wilija, in Litauen heißt sie Neris. Sie fließt durch Vilnius, weiter in den Nemunas und schließlich in die Ostsee. Menschen haben daraus zwei Namen, zwei Staaten und heute zwei sehr verschiedene politische Realitäten gemacht. Der Fluss hat davon wenig mitbekommen. Wasser braucht kein Visum. Fische passieren keine Grenzkontrolle. Schadstoffe auch nicht.
Teile des Neris-Tals gehören zu Natura 2000. Hier verläuft noch einer der Wege, auf denen wilder baltischer Lachs und Meerforelle flussaufwärts ziehen. Ich mag dieses Bild, weil es sehr konkret ist: Solange der Lachs diesen langen Weg schafft, funktioniert in diesem Flusssystem noch etwas, das älter ist als unsere Grenzen.
Staatsgrenzen halten einen Fluss nicht auf
Flussaufwärts steht, nur wenige Dutzend Kilometer von Litauen entfernt, das belarussische Kernkraftwerk bei Astravyets. Die Wilija spielt eine wichtige Rolle für seine Wasserversorgung. Im normalen Betrieb sieht man diese Verbindung kaum. Bei einer schweren Kontamination wäre sie plötzlich alles andere als theoretisch. Das Wasser würde weiterfließen – nach Litauen, durch Vilnius, in den Nemunas und Richtung Ostsee. Eine Staatsgrenze könnte daran nichts ändern.
Noch unangenehmer wird die Frage bei radioaktiven Abfällen. Wir wissen nicht, wie die politische Landkarte Osteuropas in hundert Jahren aussehen wird. Welche Regierung dann in Minsk sitzt, welche Bündnisse existieren, vielleicht sogar welche Grenzen. Der Fluss wird wahrscheinlich noch da sein.
Auf der litauischen Seite begegnet mir eine andere Logik. In Vilnius wurde darüber gesprochen, die Neris im Krisenfall als Evakuierungsweg zu nutzen. Auf einer Karte klingt das zunächst vernünftig: Der Fluss führt von Vilnius nach Westen. Nur ist ein natürlicher Fluss keine fertige Wasserstraße. Stromschnellen, Untiefen, Sedimente und ein unregelmäßiges Flussbett sind für Boote lästig – für den Fluss selbst aber kein Fehler.
Sicherheitsfaktoren
Genau hier werde ich skeptisch. Nicht weil ich die Sicherheitsängste in Litauen für erfunden halte. Sie sind real. Aber wenn Naturschutz plötzlich als etwas erscheint, das uns bei der Vorbereitung auf Krieg stört, stimmt etwas nicht. Ein intakter Fluss, Feuchtgebiete und Wälder sind ebenfalls Sicherheitsfaktoren. Sie speichern Wasser, schützen Böden, mindern Hochwasser und helfen Landschaften, mit Trockenperioden umzugehen. Wenn wir sie beschädigen, um für eine mögliche Katastrophe besser vorbereitet zu sein, schaffen wir womöglich die nächste Verwundbarkeit gleich mit.
Ich will dabei politische Unterschiede nicht verwischen. Demokratie und Diktatur sind nicht dasselbe. Russland ist der Aggressor, die Ukraine das angegriffene Land. Für jemanden aus Belarus wäre es absurd, so zu tun, als spiele das keine Rolle. Aber Wasser folgt unseren politischen Kategorien nicht. Das macht grenzüberschreitende Flüsse so unbequem: Selbst dort, wo Regierungen kaum miteinander sprechen wollen, bleibt die ökologische Verbindung bestehen.
Kleine Fragen
Deshalb gehört Umwelt für mich viel stärker in Friedens- und Sicherheitspolitik. Krieg hinterlässt nicht nur Tote, Verletzte und Geflüchtete. Er hinterlässt Minen, beschädigte Gewässer, verbrannte Wälder, kontaminierte Böden und Dinge, mit denen noch Menschen leben müssen, die den Krieg selbst gar nicht erlebt haben.
Und deshalb komme ich immer wieder zum Lachs zurück. Noch schwimmt er aus der Ostsee über den Nemunas in die Neris und weiter in die Wilija. Er folgt einem Weg, der älter ist als Belarus und Litauen, älter als NATO und EU. Vielleicht ist das eine kleine Frage neben all den großen Fragen von Krieg und Sicherheit. Aber ich möchte, dass wir uns nicht nur überlegen, wie wir den nächsten Krieg überstehen. Mich interessiert auch, was von dieser Landschaft danach noch leben wird.
Olga Karach ist eine belarussische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin und Gründerin der Menschenrechtsorganisation „Unser Haus“.